Genossenschaften – Ein Kooperationsmodell für Kreative und andere EPUs?

von Günther Marchner.

Das enorme Wachstum an Ein-Personen-Unternehmen, vor allem im sogenannten Bereich der Kreativbranchen ist Zeichen eines radikalen Wandels unserer Wirtschaft und Arbeitswelt. Es bedeutet einerseits, dass die Freiheit, unternehmerisch tätig zu werden, zunehmend genutzt wird, aber auch, dass es in neuen Branchen oft die einzige Möglichkeiten ist, sich eine Erwerbsmöglichkeit zu schaffen, wenn man seine Arbeit „selbst erfindet“. Ein Merkmal dieser neuen Arbeits- und Wirtschaftswelt ist auch die Arbeit in freien Netzwerken, es handelt sich um oft wechselnde Kombinationen einer auftrags- und projektbezogenen Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Partnern. Dies bedeutet: Kooperationsmodelle spielen in diesem Bereich eine zunehmende Rolle.

Neue Kooperationsmodelle sind in unterschiedlichen Formen aktuell: Unter der Formel „der Kooperation der Kleinen“ arbeiten seit Jahren kleine Unternehmen im Bereich des Handwerks, Gewerbes oder Landwirtschaft für gemeinsame Aufgaben (Marketing, Qualifizierung etc.) strategisch zusammen. BürgerInnen schließen sich zu Kooperationen zusammen, um lokale Neuerungen wie im Bereich der erneuerbaren Energien durchzusetzen. In vielen Städten entstehen gemeinschaftsorientierte und gemeinschaftlich getragene Wohnmodelle. Und dann gibt es eben noch das altgediente „Genossenschaftswesen“ als zwar selbstverständlichen, aber oft unbekannten Sektor, oft mit verstaubtem Image, sei es in der Landwirtschaft, aber auch im Wohnbau.

Wichtig ist jedoch eine Erkenntnis: Kooperative Initiativen sind zwar von aktueller Bedeutung, aber sie sind nicht neu. Ein Blick in die Geschichte zeigt wie sehr „Kooperativen“ unterschiedlichste Entwicklungen, Neuerungen und Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft geprägt haben: Seien es zum Beispiel die Wirtschafts- und Lebensgemeinschaften des sogenannten utopischen Sozialismus, aus dessen Geist vielfältige Formen entstanden, wie zum Beispiel die wirtschaftlich erfolgreiche wichtige Kibbuz-Bewegung in Israel. Sei es das moderne Genossenschaftswesen, das sich europaweit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Oder seien es die sogenannten Alternative- und Selbstverwaltungsprojekte der 1970er und 1980er Jahre, die unter anderem die Wurzeln für gemeinschaftliche Wohnprojekte wie z.B. die Sargfabrik in Wien bilden.

Auch im Bereich der kreativen Branchen ist Kooperation nicht neu. Kooperationsmodelle auf unterschiedlichen Ebenen gibt es seit vielen Jahren. Dazu zählen zum Beispiel die allseits bekannte Revitalisierung und Neunutzung ehemaliger gewerblicher Standorte wie zum Beispiel die ehemalige Maschinenfabrik BBK 600 im Salzburger Stadtteil Schallmoos, wo Forschungs- und Beratungseinrichtungen, Architekten, Werbeunternehmen und ein Gewerbebetrieb sich ansiedelten, die Infrastruktur gemeinschaftlich nutzten und nach wie vor nutzen. Dazu zählen die vielen „Bürogemeinschaften“ oder „Gemeinschaftsateliers“, in welcher, meist wohngemeinschaftserfahrene Selbständige gemeinschaftliche Strukturen für ihre Tätigkeiten (Architektur, Werbung etc.) schafften.

Die aktuell populäre Form des „Coworking“ steht in dieser Tradition von Kooperationsmodellen, die offensichtlich von jeder Generation und unter jeweils neuen Rahmenbedingungen entwickelt werden. Im Falle von Coworking geht es in der Regel um dieselbe Sache wie bei den Modellen der Vorgängergenerationen: Ein-Personen-Unternehmen und Selbständige nutzen einen gemeinsamen Ort und seine Vorteile: eine erschwingliche Infrastruktur, Kontakte und Vernetzungsmöglichkeiten, Arbeiten im anregenden Milieu, Möglichkeit für Austausch, Teilen von Wissen und neue Kooperationen.

Inzwischen interessieren sich zunehmend mehr Personen aus dem Kreativbereich nicht nur für gemeinsame anregende Orte, sondern auch für entsprechende gemeinschaftliche Organisationsformen, wie die Form der Genossenschaft, zur Unterstützung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit auf Basis gemeinsamer Wertvorstellungen und Ziele. Gerade im Bereich der Erwerbsarbeit und unternehmerischen Tätigkeit in freien Netzwerken kann die Rechtsform der Genossenschaft formal-organisatorische Rahmenbedingungen und Regelwerke auf unterschiedlichen Ebenen bereitstellen. Ein-Personen-Unternehmen haben die Möglichkeit, sich in flexibler Weise, in gemeinschaftliche Strukturen (gemeinsame Orte, gemeinsame Plattformen) einzubetten, an deren Aufbau und Betrieb sie beteiligt sind.

Das moderne Genossenschaftswesen entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Form der gemeinschaftlichen Selbsthilfe in der kapitalistischen Marktwirtschaft: in Form von Kredit- und Warengenossenschaften, von Einkaufsgenossenschaften, von Konsum- und Wohnbaugenossenschaften oder auch von Produktivgenossenschaften (gemeinschaftliche Erstellung von Produkten und Dienstleistungen). Genossenschaften sind m.E. auch heute jene Organisationsform der Hilfe zur Selbsthilfe von Personen, die zwar über Knowhow, aber kaum über Eigenkapital verfügen.

Das bisherige Image von Genossenschaften als große, undurchschaubare, ein wenig verstaubte und daher unattraktive Organisationen hat mit ihrem Wandel zu tun: der Entwicklung vieler traditioneller Genossenschaften zu vorwiegend sach- und zweckorientierten Unternehmen, geprägt durch Hierarchisierung, Bürokratisierung und vor allem dem Verlust des Genossenschaftsgeistes. Es handelt sich um Gebilde, mit denen sich an Beteiligung interessierte BürgerInnen und Kreative in der Regel nicht identifizieren können. Aber am Anfang der Genossenschaftsbewegung stand genau derselbe Gedanke wie bei vielen heutigen kooperativen Initiativen: eine gemeinsame Idee und gemeinsame Werte als Basis für gemeinschaftliche wirtschaftliche und soziale Unternehmungen, die von einzelnen Personen alleine nicht umsetzbar wären.

Allerdings sind Genossenschaften – im Unterschied zu herkömmlichen privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen – mit besonderen Herausforderungen konfrontiert: Sie brauchen ein Regelwerk für die Balancierung des Gegensatzes von Individual- und Unternehmensinteressen, für demokratische und gruppenspezifische Aushandlungsprozesse sowie für die Bewältigung des potenziellen Konflikts zwischen Entscheidungsdruck (Markt, Veränderungen im Umfeld) und Demokratieprinzip (denn Demokratie braucht Zeit).

Die Gründung und der erfolgreiche Betrieb von Genossenschaften ist an bestimmte Faktoren geknüpft: Es gilt nicht nur betriebswirtschaftliche Regeln zu beachten, sondern auch demokratische Strukturen. Es geht um gemeinsame Werte u n d um professionelles Handeln. Dies erfordert im Besonderen Kooperationsfähigkeit bei den Mitgliedern und klare Regeln für die Zusammenarbeit und das Funktionieren einer genossenschaftlichen Organisationsform. Das Genossenschaftswesen in Form der zuständigen Genossenschaftsverbände kann für derartige Gründungen im Kreativbereich sicherlich wertvolle Erfahrungen, Regelwerke und Unterstützungsstrukturen bereitstellen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s