foto bernhard jenny creative commons by nc sc

Dürfen`s denn des? Da könnt ja jeder kommen.

Günther Marchner – Über die Verwaltung der Zukunft und die Verhinderung von Initiative

Ich höre oft Geschichten und Erlebnisse von Bekannten und Kolleginnen, von Wissenschaftern, Selbständigen und Kreativen. Und ich vergleiche diese mit meinen Erlebnissen und Erfahrungen.


Da baut sich vor mir folgendes Bild auf:

Unser Land ist mit der „Zukunftsunfähigkeit“ eines bisher erfolgreichen politisch-institutionellen Systems konfrontiert: einer seit Jahrzehnten – noch stabilen – praktizierten Sozialpartnerschaft und einer in die Jahre gekommene Landschaft etablierter Parteien mit abnehmender Gestaltungsfähigkeit. Die jahrzehntelange Verwaltung von Macht hat zu deutlichen Abnutzungserscheinungen geführt: zu Abschottung, Sicherung von Gruppeninteressen, Korruption, Kompetenzverlust.

Eine wachsende Bevölkerungsgruppe steht „draußen vor der Tür“: Dazu zählen nicht nur sozial Schwache und gewerkschaftlich schlecht Abgesicherte Erwerbstätige in prekären Verhältnissen. Dazu zählen auch viele junge Qualifizierte und eine Vielzahl von kreativen Selbständigen und Kleinunternehmen mit Motivation, Energie und neuen Ideen. Gleichzeitig gibt es auch Engagierte in Institutionen (Universitäten, Kammern, Verwaltungen), die an der Starrheit und Erneuerungsunfähigkeit ihrer Institutionen verzweifeln.

Ein gewaltiger Reform- und Erneuerungsbedarf steht dem Versagen etablierter politischer Macht (nicht zuletzt dem Beharrungsmoment organisierter Interessen zu verdanken) gegenüber. Es gehört zur besonderen Tragik der österreichischen politisch-institutionellen Kultur, dass die Kritik an überkommenen und verkrusteten Strukturen vorrangig im rechtspopulistischen, im besten Fall noch im wirtschaftsliberalen Gewand daherkommt – aber zu wenig bis gar nicht von sozialdemokratischer, grüner oder linker Seite. Seit Jahren wird diese Situation von zahlreichen Stimmen – wütenden Journalistinnen, enttäuschte Expolitikern, frustrierten Intellektuellen – publizistisch begleitet, die sich kritisch mit der Unfähigkeit zu Erneuerung und Reform auseinandersetzen oder eine Kultur des Ermöglichens, der Erneuerung, von Innovation und Kreativität einfordern.(1)

Schlagworte wie Innovation, Kreativität oder Wissensgesellschaft sind zwar in aller Munde. Und die Anforderungen zur Sicherung von Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit forcieren Städte und Ballungsräume zu wissensbasierten Standorten und „Innovationssystemen“, betreut und gemanagt von einer Kultur der „Good Governance“. Aber angesichts einer Tradition des Verwaltens von Bestehendem besteht eine ausgeprägte Form von Abschottung und von Desinteresse gegenüber neuen Ideen und Vorhaben – vor allem, wenn diese „von außen“ an etablierte Institutionen herangetragen werden. Unserer Institutionen – Politik, Verwaltung, Kammern, Verbände usw.- sind weitgehend unfähig, neue Ideen, Vorschläge, Kreativität, die von außen – zum Beispiel von KleinunternehmerInnen, jungen Kreativen, KünstlerInnen und ForscherInnen – an sie herangetragen werden, entsprechend wahrzunehmen, wertzuschätzen, zu fördern und als wichtigen Impuls für Erneuerung, Entwicklung und Innovation zu begreifen. Es geht also um jene Form von Initiative in unserer Gesellschaft, die nicht von Parteien, (halb)öffentlichen Institutionen oder sonstigen großen Organisationen getragen wird, sondern von den vielen Kleinen und weniger Machtvollen, die für eine lebendige und kreative Gesellschaft von enormer Bedeutung ist.

Wenn jemand mit einer Idee – einem Produkt, eine Dienstleistung, einem Innovationsvorhaben, einem Forschungsprojekt – an eine öffentliche oder halböffentliche Institution zwecks Unterstützung herantritt, so gibt es in der Regel folgendes Feedback nach dem Motto: „Da kann ja jeder kommen“. „Das machen eh wir bzw. da sind wir alleine zuständig“. „Das ist nicht relevant“ bzw. „das gibt es eh schon“. Es gibt eine Erfahrung des Nicht-Ernst-Genommen-Werdens, der Ignoranz, der mangelnden Wertschätzung, des im-Kreis-geschickt-werdens, der Unverbindlichkeit und der Unzuständigkeit. Viele machen die Erfahrung, dass sie mit ihrer Idee bei einer Institution nicht weiterkommen. Neue Projekte darf es offensichtlich nur geben, wenn sie von Institutionen – oft parteipolitisch und lobbyistisch gedeckt – selbst kommen.

Regeln und Rahmenbedingungen für Förderprogramme behindern Ideenbringern und Initiatoren in absurder Weise dabei, ihre Ideen selbst umsetzen zu können, da diese offensichtlich nur für große Einrichtungen mit entsprechenden Ressourcen vorgesehen sind. Darüber hinaus gibt es auch hausgemachte Rahmenbedingungen, die Initiativen von Einzelpersonen, Kleinunternehmen oder kleinen Vereinen ohne Eigenmittel die Chance auf die Nutzung von Förderprogrammen verunmöglichen. Es gibt keine finanzielle Unterstützung im Sinne von Basisfinanzierungen. Projekte, die Neues schaffen sollen, können in der Regel nur von großen Organisationen, in der Regel oft von partei- oder institutionennahen Einrichtungen umgesetzt zu werden. So entsteht der Eindruck, dass die Vergabe von Projekten und von Fördermitteln in dem Sinne kontrolliert und gesteuert wird, dass nur die „Richtigen“ und nicht die „Falschen“ Mittel beanspruchen können.
Dies gilt auch für Forschung und Wissenschaft, deren Existenzberechtigung offensichtlich vom Wohlwollen und institutionellen Segen und von der Orientierung an großen Institutionen, aber weniger von anderen Kriterien abhängt. Unabhängige „Bottom Up“-Initiativen sind nicht gefragt, sonst gäbe es dafür auch eine explizite Unterstützung. Es gibt keine transparenten Kriterien für die Förderung von Forschungs- und Wissenschaftsinitiativen. Die Liste von Fördernehmern auf Länderebene in diesem Bereich – soweit man diese in die Finger kriegt – erweckt den Eindruck, dass es sich vorwiegend um Einrichtungen handelt, die von der Politik gewünscht sind und in irgendeiner Weise eine Deckung durch Parteien, Verwaltungen und Vertretungen aufweisen.

In großen Institutionen, zum Beispiel im Rahmen einer Universität, sind Eigeninitiative und Engagement von MitarbeiterInnen nicht vorgesehen, wenn sie nicht den Weg vorgesehener hierarchischer Abfolgen und akademischer Karrieren befolgen. Belohnt wird offensichtlich nur ein Verhalten, das weniger mit Eigeninitiative, sondern eher mit Anpassung zu tun hat. Engagement wird nicht belohnt, sondern tendenziell mit Hürden und Barrieren belegt. Ich gehe davon aus, dass diese Rahmenbedingungen auch für engagierte MitarbeiterInnen in einer Landesverwaltung oder im Kammersystem gelten.

Dieses „Bild“, das sich in mir aufbaut, kommt, zusammengefasst, zu absurden Merkmalen:

Institutionen – Kammern, Verwaltung, Verbände, öffentliche Einrichtungen – sind für Außenstehende in der Regel durch eine kafkaeske Lehmschicht aus uninspirierten Technokraten und Verwaltern von Macht gekennzeichnet. Außenstehende – Menschen, Kleinunternehmen, Kreative, Künstler, Forscher mit Ideen – die nicht politisch oder lobbyistisch gedeckt sind, werden nicht ernst genommen, finden kein Gehör geschweige denn entsprechende Unterstützung.

  • Die für Innovation, Wissen, Kreativität zuständige Institutionenlandschaft ist vom Geist der Technokratie und des bloßen Verwaltens von Themen sowie von Kontrollwut geprägt. Ein Anspruch, Neuerungen von „zuständigen“ Institutionen initiieren oder kontrollieren zu lassen, steht im Widerspruch zum Prinzip kreativer und innovativer Prozesse. Nach dieser Logik bleibt alles, was von außen und von unten initiiert wird und unabhängig bleibt bzw. bleiben möchte – ohne Unterstützung.
  • Es gibt keine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung für unabhängige Initiativen. Tendenziell gilt es als „unanständig“, Ideen an Institutionen heranzutragen, da diese Institutionen in ihrem Selbstverständnis die „einzigen“ Zuständigen sind. In der Regel bedeutet dies die Haltung: „Dürfens denn des?“ „Was erlaubt sich der überhaupt?“ „Wer ist das überhaupt?“ „Das machen wir ohnehin selber!“
  • Es gibt eine Dominanz zum geschlossenen System: zum Beispiel wenn Länderregierungen und vorgelagerte Institutionen alles kontrollieren, was an Neuem passiert und Geld vor allem an landesnahe und mitgetragene Einrichtungen hineinfließt.
  • Bei der Vergabe von Mitteln dominieren intransparente Gremien mit immer denselben Personen, ein relativ kleiner Kreis von VertreterInnen zuständiger Institutionen. Die Konsequenz: 1. Diese Gremien kontrollieren die Vergabe von Mitteln. 1. Niemand, der Unterstützung braucht, darf sich mit diesen Leuten anlegen. 3. Die Gremien sind nicht wirklich transparent – teilweise widersprechen sie in ihrer Zusammensetzung und Praxis den Vorgaben und Kriterien von Förderprogrammen.

Wer alleine und von außen mit einer Idee „daherkommt“, erlebt dieses System wie eine Burg mit verschlossenen Toren und aufgezogenen Hängebrücken. Oder wie eine Gummiwand, die zwar nachgibt, aber kein Durchdringen zulässt.

Die Folgewirkungen derartiger lokaler und regionaler „Innovationssysteme“ (Länder, Städte) lauten:

  • die Erstickung des kreativen Potenzials und von Eigeninitiative
  • Attraktivitätsverlust eines Standortes auf Seite derjenigen, die Ideen, Energie haben und sich engagieren möchten
  • die Abwanderung derjenigen, die die Nase voll haben und sich anderswo einen Job suchen oder engagieren

Nachdem ich mir dieses schreckliche Bild ausgemalt habe, denke ich mir: Hoffentlich stimmt das alles nicht. Ich kenne ja auch positive Gegenbeispiele, die diesem Bild widersprechen. Aber nicht viele!

______

(1) Dazu nur eine kleine Auswahl: Horx, Matthias: glückliches Österreich, Wien 2006; Paierl, Herbert/Markus Heingärtner (Hg.): Reformen ohne Tabu. 95 Thesen für Österreich, Graz 2011, Filzmaier, Peter: Der Zuge der Lemminge. Heute stehen wir am Abrgrund, morgen sind wie einen großen Schritt weiter, Salzburg 2010; Matzner, Egon: Die vergeutete Republik, Wien 2001; Leimüller, Gertraud: Innovator, Imitator oder Idiot, Klagenfurt 2013; Androsch, Hannes: Das Ende der Bequemlichkeit. 7 Thesen zur Zukunft Österreichs, Wien 2013

______
Autor:
Dr. Günther Marchner, Organisationsentwickler, Projektentwickler, Sozialwissenschafter und Universitätslektor www.consalis.at
dieser Artikel erschien am 14.4.2014 auf kooperativerraum.at

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s